Unternehmen zahlen nichts für WiWi-Literatur – Warum?

Viele Wirtschaftsbibliothekarinnen und -bibliothekare fragen sich, warum können wir eigentlich an Unternehmen keine wirtschaftswissenschaftliche Informationen und Literatur verkaufen? Bei technischen (Patenten) und naturwissenschaftlichen Informationen klappt es doch auch?
Für Patentinformationen oder wichtige naturwissenschaftliche Ergebnisse sind Unternehmen bereit viel Geld zu bezahlen.

Die Antwort wurde in diesem Blog schon in älteren Artikeln (Berichte zum Bibliothekartag) gegeben, Unternehmen sind nicht bereit für WiWi-Informationen was zu bezahlen, da sie keine Wirtschaftsforschung betreiben.
Aber warum machen Unternehmen keine Wirtschaftsforschung?

Das ist komisch, denn oft entscheidet bei einem Unternehmen über Profit oder Verlust nicht unbedingt eine Produktinnovation, die sich ja auch als Flop entpuppen kann. Die profitabelsten Unternehmen sind oft die, die eine effizientere Arbeitsorganisation oder ein innovatives Geschäftsmodell eingeführt haben.
Gehen wir zurück ans Ende der 80er Jahre. VW war ungefähr so groß wie Toyota gemessen an Umsatz und Produktionszahlen und trotzdem machte VW kein Profit und Toyota erzielte ein Gewinnrekord nach dem anderen. Dann erschien eine Studie, die sich ausführlich mit dem Toyota-Produktionssystem beschäftigtete (The Machine that changed the world) und darlegte wie eine effizientere Arbeitsorganisation genannt „lean production“ die Kosten bei Toyota so gut drückte, dass Toyota den break-even-point bei neuen Modellen schneller erreichte als VW und andere Automobilhersteller (zum Beispiel General Motors). VW reagiert und engagierte den Manger Lopez (den sie von GM abwarben), der sich mit „lean production“ bestens auskannte und die Produktionsorganisation bei VW komplett und erfolgreich umkrempelte.
Was denken Sie, hat VW dafür an Toyota Lizenzgebühren bezahlt für die Idee? Nein, nicht 1 Yen! Denn es gibt kein Patentrecht für innovative Managementmethoden oder Arbeitsorganisationen. VW zahlte dem Manger Lopez ein fürstliches Salär, aber an Toyota nichts 1).
Genau das ist der Grund warum Unternehmen keine wirtschaftswissenschaftliche Forschungsabteilung haben, sie brauchen sie einfach nicht. Es reicht, wenn die Unternehmen die Konkurrenz oder andere Branchen mit ähnlicher Kundschaft beobachten und gute Geschäftsideen einfach abkupfern bzw. für die eigenen Zwecke anpassen.

Managementmethoden müssen schon an Techniken  gebunden sein oder aber über das Markenrecht geschützt werden.
Jedermann kann ein Online-Auktionsportal aufbauen und betreiben solange sie es nicht „eBay“ nennt.  Natürlich wurmt es die großen neuen Internetunternehmen, wenn jemand sie nachäfft, aber sie können nichts dagegen unternehmen. Deshalb verklagen sich die Giganten der digitalen Welt immer über die „Technikschiene“.  Für Facebook zum Beispiel ist studiVZ schon lange ein Dorn im Auge, da es im Grunde das deutsche Facebook ist. Facebook hat deshalb mal vor einiger Zeit studiVZ verklagt mit einem Plagiatsvorwurf verbunden mit der Bezichtigung, dass studiVZ ein gewissen Softwarealgorithmus (Quellcode), der eine gewissen Funktion erfüllt, geklaut hat.  Die Klage wurde in Deutschland abgeschmettert.

Wer heise online und dessen Ticker regelmäßig verfolgt wird schnell feststellen, dass solche Diebstahlsbezichtigungen und Klagen zwischen den Firmen der Software, IT, Multimedia und Internetbranche mittlerweile fast täglich gemeldet werden.

Fußnote
1) Später hat GM seinen Ex-Manager Lopez und VW wegen Industriespionage verklagt, aber nicht wegen des „Ideenklaus“ sondern weil Lopez noch Unterlagen über Lieferanten und Einkaufspreise von GM mitgenommen hatte.

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